Überblick

Im ersten Abschnitt wird die Kanalisierung von Flüssen mit der Kanalisierung des Sprechens und Denkens durch die unreflektierte Nutzung von Sprachmodellen (KI) verglichen.

Im zweiten Abschnitt wird auf die Vielfalt als Grundlage von Resilienz eingegangen.

Die Überlegungen der beiden Abschnitte entstanden aufgrund der Veranstaltung „KI und nachhaltige Bildung“ der evangelischen Akademie Frankfurt vom 26.03.2026.

Pinnau als Kanal, auf beiden Seiten Dämme

    Mäander bei Flüssen und beim Sprechen

    Flussbegradigungen

    Seit Jahrhunderten werden Wasserkanäle gebaut, und auch Flussbegradigungen haben eine lange Tradition. So wurde die Elbe im Interesse der Schifffahrt im 19. und 20. Jahrhundert auch um etliche Kilometer verkürzt, indem Flusskrümmungen abgeschnitten und so der Verlauf begradigt wurde. Zusammen mit Uferbefestigungen nannte man das „Zähmung des Flusses“.

    Seit dem 19. Jahrhundert wurden auf Schienen laufende Dampfmaschinen entwickelt, die über ebenfalls mit Dampf betriebene Erdschaufeln verfügten. Es konnten schnell große Mengen von Erdreich und Steinen bearbeitet werden, allerding waren Beweglichkeit und Genauigkeit der Erdbewegungen eingeschränkt.

      Mobile Bagger beseitigen in den 50er Jahren die Mäander kleiner Flüsse

      In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts setzten sich zwei Neuerungen bei den Maschinen zur Erdbewegung durch. Die Bagger wurden von Dieselmotoren bewegt, fuhren auf Raupenketten und bekamen hydraulische Schaufeln. Damit wurden sie beweglicher, kleiner und flexibler einsetzbar. Das ermöglichte es, das Konzept der gerade laufenden Flüsse auch auch kleinere Fließgewässer und Bäche auszudehnen. Das Motiv war nicht mehr die mögliche Befahrung mit Schiffen. Nun wurde es möglich und angestrebt, mit den verkürzten Flusslauf und damit abgeschnittenen Flussbiegungen landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen – und das Hochwasser schneller ableiten zu können.

       

      Raupenbagger mit Hydraulik und Motor

      Sprachmodelle (KI) wie ChatGPT oder Lumo

      Die meisten von uns werden es bereits erlebt haben: Man bittet Chat-GPT oder Lumo um 30 Zeilen Text zu einem beliebigen Thema, und schon ist die DinA4 Seite Umschweife schnell erstellt und sprachlich glatt. Ich erlebe so, wie meine Produktivität beim Schreiben steigt. Der Blog-Beitrag benötigt nur noch eine halbe Stunde Zeitaufwand. Der Gedankenfluss ist so glatt wie der Verlauf eines kanalisierten Flusses.

      Die Reibung des Wassers am Flussbett (Prallhang und Gleithang)

      In den Kurven und Unregelmäßigkeiten des Fließgewässers reibt sich das Wasser. In den Mäandern mit den Prallhängen und Gleithängen entsteht eine vielfältige, abwechslungsreiche Wasserlandschaft. Das schafft Vielfalt und die Vielfalt stärkt die Resilienz der Gemeinschaft.

      Sprachmodelle (KI) beseitigen die Mäander des Sprechens und Denken

      Frage an den Leser: Lohnt es sich, diesen einen von der KI erzeugten Text zu lesen? Vermutlich ja, wenn das Thema interessiert. Aus weitergehenden Interesse könnte man dann auf eine andere Webseite gehen und sich weiter informieren. Wenn dort auch mit KI gearbeitet wurde, finden sich dort die gleichen glatt formulierten Gedanken. Und auf allen anderen Webseiten ebenfalls – wenn die Schreiber jeweils eine KI nutzen. Es liegt im Wesen der KI-Sprachmodelle, dass sie aus allen ihren Trainingstexten die häufigsten Gedanken wiederholen. Was häufig in den Trainingsdaten enthalten ist, das gilt als richtig und wird weitergegeben.

      Man kann es ein Paradox nennen: die individuelle Produktivität steigt durch die Verwendung der Sprachmodelle (KI), aber die kollektive Vielfalt schwindet. Auch viele Texte schaffen keine Vielfalt mehr, sie erweitern nicht mehr das Wissen. Viele Autoren können in kürzester Zeit viele Texte zum Thema schreiben, doch das Angebot an echtem Lesestoff schwindet.

      Sprachmodelle (KI) sind wie Flussbegradigungen

      So betrachtet ist die KI für das Denken das gleiche wie eine Flussbegradigung für das Wasser. Glatt und schnell. Bei den Flüssen verschwanden die Mäander, in den Texten verschwindet die Individualität. Es kommt nicht darauf an, welche Lebenserfahrung der Autor hat, welche Kenntnisse der Schreiber aus den Fehlern gelernt hat, die er im bisherigen Leben gemacht hat.

      Die Texte werden sich ähnlich wie die geraden Kanäle, die früher Flüsse waren. Sie enthalten Wasser, aber kaum Fische, Insektenlarven, Schnecken oder Muscheln. Vor zweihundert Jahren sah man an jedem Mäander andere Libellen, der Prallhang war anders bewachsen als der Gleithang, in der Flussmitte waren Sandbänke ohne Bewuchs, wo der Regenpfeifer brüten konnte, an den frischen steilen Abbrüchen brüteten Uferschwalben und der Eisvogel. In den kanalförmigen Wasserläufen verschwindet die Vielfalt.

      Bezug zur Biodiversität

      Im Zusammenhang von Natur und Naturführung sollten diese Gedanken noch um den Begriff der Biodiversität erweitert werden. Bisher wurde die formale Ähnlichkeit von Flussbegradigungen und den Mäander beim Sprechen und Denken formuliert. Glatt und zweckdienlich, optimiert für einen zeitlichen Moment.

      • Flussbegradigungen sollen den wirtschaftlichen Nutzen der Landschaft verbessern.
      • ChatGPT, Google Gemini und andere große Sprachmodelle sollen die Marktfüherschaft der großen Tec-Konzerne ausbauen.
      • Biodiversität soll die Nachhaltigkeit und Resilienz des Naturraumes stärken

      Eine Optimierung des Nutzens (Sprachmodell oder Flusskanalisierung) kann nur für einem Zeitpunkt erfolgen. Es wird der Nutzen für den Augenblick gemessen und dann optimiert. In unseren Fällen

      • Neben dem begradigten und eingedämmten Fluss entsteht neue landwirtschaftlich nutzbare Fläche
      • Die Sprachmodelle formulieren schnell den Text, der Beitrag ist in kurzer Zeit erstellt.

      In beiden Fällen verschwindet die Vielfalt. Alle kleinen Abweichungen werden ausgemerzt, weg gebügelt. Schnell, schnell, optimal. Ein ungewohnt heftiges Niederschlagereignis führt flussabwärts zu ungeahnten Hochwassern. Ändert sich die Fragestellung auch nur ein wenig, so findet sich in all den gleichförmigen Texten kein Lösungsansatz für die neue Situation. Ändern sich die Umweltbedingungen ein klein wenig, so findet sich im kanalisierten Fluss unter dem reduzierten Artenspektrum keine Art, die mit den neuen Bedingungen zurechtkommt, der Wasserlebensraum verarmt noch weiter.

      Links zu weniger bekannten Sprachmodellen

      Google Gemini, Claude und Chat-GPT sind sehr bekannte Sprachmodellen, von US-Konzernen gemacht und gestaltet. Diese Sprachmodelle werden mit Texten trainiert, die digital zur Verfügung stehen. In der Praxis sind diese Texte WEIRED – ein Akronym für western (westlich), educated (gebildet), industrialized (industrialisiert), rich (wohlhabend, reich) und democratic (westlich-demokratisch). Damit wird bereits von der Konstruktion her einseitig die us-amerikanische Denkwelt eingespielt.

      Im Zusammenhang dieses Artikels wird nur auf das Erstellen von Texten eingegangen. Andere Funktionen von KI und Automaten werden nicht berücksichtigt.

      Lumo – KI Jede Unterhaltung bleibt vertraulich und dient nicht dem Training des Sprachmodells.

      LeChat von Mistral AI stellt sicher, dass keine persönlichen Daten für das Training des Le Chat-Modells verwendet werden (Datenschutz = DSGVO-konform). LeChat legt den Schwerpunkt auf französischsprachige Texte.

      Chile entwickelt mit Latam-GPT ein neues Sprachmodell für künstliche Intelligenz, das speziell auf die kulturelle und sprachliche Vielfalt Lateinamerikas zugeschnitten ist. Soweit bekannt, ist dieses Chat-Sprachmodell noch nicht öffentlich verfügbar.

      Indien und China haben ebenfalls Chat-Modelle. DeepSeek wurde wegen der klaren Einflussnahme im Sinne der chinesischen Regierung in Italien, Taiwan, Australien, Südkorea und im US-Bundesstaat New York verboten. (Quelle: Wikipedia)

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